Die zwei Sonnwenden der Weihnachtszeit

 

Häufig ist es nicht Unkenntnis, sondern im Gegenteil gerade das sogenannte Wissen, die landläufigen Vorstellungen über die Dinge, die uns davon abhalten, die Wirklichkeit zu erfassen. Begriffe, Erklärungen oder Modelle über die Natur verstellen in diesem Sinne häufig den unbefangenen Blick auf die Erscheinungen. Jeder weiß, dass am 21. oder manchesmal am 22. Dezember die Wintersonnenwende stattfindet. Die Sonne beschreibt an diesem Tag des astronomischen Winterbeginns ihren tiefsten Bogen, es herrscht die längste Nacht.

Wer jedoch an diesem Tag mit dem spätesten Sonnenaufgang und frühesten Sonnenuntergang rechnet, irrt sich....

 

Die Beobachtung zeigt nämlich, dass bereits Anfang Dezember, am 6., der früheste Sonnenuntergang stattfindet, dann elf Tage praktisch unverändert bleibt und ab dem 17. Dezember die Sonne wieder nach und nach später untergeht. An Morgenhimmel sind die Verhältnisse umgekehrt: Erst eine Woche nach der Wintersonnenwende, um den 29. Dezember, findet der späteste Sonnenaufgang statt, der dann bis zum 5. Januar nahezu konstant bleibt. Statt einer theoretisch gültigen Wintersonnwende vollziehen sich um das Weihnachtsfest herum zwei Sonnenwenden: vom 7. bis 17. Eine abendliche Sonnenwende und vom 29. Bis zum 5. Januar eine Morgensonnenwende.

 

Wie kommt es dazu? Den zwei verschobenen Sonnenwenden liegt die Tatsache zugrunde, dass die Tage im Jahreslauf nicht immer gleich lang sind. Während zum Herbstanfang die tatsächlichen Tage 20 Sekunden kürzer als die durchschnittlich 24 Stunden dauern, sind sie ab Dezember umgekehrt eine viertel Minute länger. Diese feinen Unterschiede summieren sich in der Winterzeit im Februar auf über 16 Minuten, die die „schneller“ laufenden Uhren dem wirklichen Tagesgeschehen vorausgehen. Im Spätfrühling und Herbst gleichen sich die Verhältnisse durch die kürzeren Tage wieder aus . – Nun knüpft das Weihnachtsfest zeitlich und auch geistig an die vorchristlichen Feste der Wintersonnenwende, die Feste der „sol invictus“, der unbesiegten Sonne, an.

Es ist damit, aber auch aus ureigenstem christlichem Verständnis, als Geburtsfest dessen, der das Licht bringt, ein Sonnenfest. Deshalb muss ihr Lauf ernst genommen werden. Das gilt umso mehr, als nun zwei weitere kosmische Ereignisse der Weihnachtszeit die beschriebenen Sonnenwenden betonen: Vom 6. bis 17. Dezember, also der Zeit der frühesten Sonnenuntergänge, erscheinen jährlich Sternschnuppenfälle, die nach denjenigen im August die höchste Fallrate mit bis zu 100 Schnuppen pro Stunde aufweisen.

Nach ihrem scheinbaren Ursprungsort der Zwillinge werden sie die Gemeniden genannt. Aber auch die spätesten Sonnenaufgänge in der ersten Januarwoche werden von Meteorschauern betont. Es sind die Bootiden, die das Meteorjahr abschließen. Denn bis zum Juni bzw. August erscheinen nach diesen zweiten weihnachtlichen Sternschnuppen nun keine nennenswerten Sternschnuppenströme mehr.

 

Das eigentlicheWeihnachtsfest des 24./25. Dezember liegt nun genau zwischen diesen beiden von Sternschnuppen betonten Sonnenwendezeiten, die vom 6. Dezember bis 6. Januar einen Monat umspannen. Abendliche Finsternis geht dem Fest voraus, und morgendliche Finsternis folgt bis zum Ende der Weihnachtszeit am 6. Januar. Doch was unterscheidet die Abendfinsternis von der Morgenfinsternis?

 

In den Wochen der Advents- und Weihnachtszeit kann die persönliche Empfindung befragt werden, ob die alten christlichen Vorstellungen zutreffen, dass mit einem Verdunkeln des Abends die Fragen und Zweifel drängender und existentieller werden und mit einem Vorrücken der Nacht in den Morgen die leisen Antworten, die die Nacht uns schenkt, tiefer und rätselvoller werden...

 

(Text aus: „Vier Minuten Sternenzeit“, Leben mit den kleinen und großen Rhythmen der Zeit von Wolfgang Held)

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